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Plädoyer für die Wertegesellschaft

Wissen ohne Werte ist wertlos

Die Vorstellung von einer Wertegesellschaft spielt - anders als die der Wissensgesellschaft - in der politischen Diskussion keine Rolle. Das ist ein Fehler, denn eine Wissensgesellschaft, die sich ihrer Werte nicht bewusst ist, wird anfällig für politische Fehlentwicklungen. Auf eine kurze Formel gebracht: Wissen ohne Werte ist wertlos.

Aber welche Werte sind gemeint, wenn man an die Gesellschaft insgesamt denkt? Sind wir nicht alle viel zu unterschiedlich, um uns auf bestimmte Werte festlegen zu lassen? Ich meine, nein - wir haben ein Fundament an Werten, das nach wie vor Gültigltigkeit besitzt. Eine Wertegesellschaft ist eine Gesellschaft, die sich über ihre Mitte einig ist, ihre wichtigsten Ziele und Grundsätze. Politik aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus steht für Freiheit, Verantwortungsbewusstsein, Mut, zu dem auch Toleranz und Zivilcourage gehören, und Nächstenliebe.

Gesellschaft mit Grundsätzen und Zielen

In einer Demokratie sind das diejenigen Grundsätze, die gegen Extremisten von rechts und links verteidigt werden müssen. Denn in einer demokratischen Gesellschaft hat Extremismus keinen Platz - und autonome Chaoten von links sind keinen Deut besser als prügelnde Neo-Nazis von rechts. Wer Polizisten bei Demonstrationen mit Steinen bewirft, verdient ebenso Strafe wie jemand, der einen Anderen wegen dessen Hautfarbe zusammenschlägt. Das teils mutlose, teils augenzwinkernde Hinnehmen linker Gewalt durch Grüne und PDS schadet unserer Gesellschaft. Die geschmacklose persönliche Attacke des Grünen Jürgen Trittin auf Laurenz Meyer von der CDU - der wahrlich politische Angriffsfläche genug bietet - zeigt, das es gerade bei den Grünen an demokratischer Kultur und einem Bewußtsein für geteilte demokratische Werte fehlt.

Keine Freiheit ohne Freiheit

Der wichtigste Wert und gleichzeitig der am häufigsten unterschätzte, ist Freiheit. Seit dem Ende der Diktatur in Deutschland 1989/90 scheint es endgültig so zu sein, dass wir glauben, in Freiheit zu leben, auch wenn uns zahllose Vorschriften, überholte Gesetze und Verregelungen einengen. Natürlich haben wir als Bürger die wichtigsten politischen Freiheiten, aber bei weitem nicht so viele, wie sinnvoll und möglich ist. Wir können weder Bundespräsident noch Bundeskanzler noch Bundesrat noch den Ministerpräsidenten unseres Landes direkt wählen. Die Hürden für eine echte Bürgerbeteiligung liegen noch viel zu hoch. Aber auch auf wirtschaftlichem Gebiet gibt es Freiheit keineswegs in dem Maße, wie es wiederum sinnvoll und möglich ist. Der Unternehmer, der schon ab 5 Beschäftigten Toiletten für Männer und Frauen bauen muss, leidet darunter genau so wie der Arbeitnehmer, dem durch viel zu hohe Sozialabgaben die Chance genommen wird, selbst zu entscheiden, wie er für das Alter vorsorgen möchte. Daran ändert auch die sogenannte "Rentenreform" nicht viel. Freiheit macht Angst, weil sie dem einzelnen mehr abverlangt als verregeltes Leben, sie bietet aber noch viel größere Chancen, denn wenn alle - anstatt durch Staat und Sozialbürokratie bevormundet zu werden - zumindest zum Teil ihre Angelegenheiten in eigener Verantwortung entscheiden können, dann werden einerseits neue Ideen entstehen, andererseits bestimmte Dinge einfach nicht mehr hingenommen werden. Das gilt ganz besonders für die Jüngeren, die heute in die Rentenkasse einzahlen müssen in dem Wissen, später weit weniger zu erhalten, als sie heute zahlen.

Die drei Seiten des Mutes

Eine Gesellschaft mit Grundsätzen braucht auch den Mut, für diese Werte einzustehen. Dieser Mut hat drei Seiten: Erstens den Mut auch zu unpopulären Äußerungen abseits ausgetretener Pfade - nur neues Denken bringt eine Gesellschaft weiter, Totschlagsargumente fördern Stillstand, nicht Fortschritt. Zweitens die Toleranz, andere Meinungen gelten zu lassen, auch wenn dadurch eigene Auffassungen in Frage gestellt werden. Drittens die Zivilcourage, bei Gewalt nicht wegzuschauen, egal, ob diese als Gewalt gegen körperlich Schwächere oder als Intoleranz gegenüber anders Denkenden auftritt.

Mut heißt auch, dass nicht alles immer im Konsens entschieden werden muss. Ehrliche Meinungsverschiedenheiten sind in einer Demokratie keine Schande, sondern das Salz in der Suppe politischer Auseinandersetzungen. Wenn weite Teile der Bevölkerung "im Konsens" bevormundet werden, dann ist das auch kein wirklicher Konsens zwischen Regierenden und Regierten, sondern ein Konsens von Politikern und Bürokraten, die glauben, es besser zu wissen als die Wählerinnen und Wähler.

Verantwortungsbewußtsein stärken

Was wir tun, beeinflusst andere und auch die Gesellschaft - im Guten wie im Schlechten. Deswegen trägt auch jeder Einzelne Verantwortung für die Gesellschaft, ob er es merkt oder nicht. Das Bewußtsein für diese Verantwortung zu stärken, ist eines der zentralen Anliegen in der Wertegesellschaft. Viel Gutes geschieht, viele Menschen engagieren sich in Kirchen, Vereinen oder helfen Anderen unabhängig von Organisationen. Auf der anderen Seite treten zum Beispiel viele Menschen aus den Kirchen aus, um Steuern zu sparen und ärgern sich anschließend, dass der kirchliche Kindergarten in der Nachbarschaft geschlossen werden muss, weil der Kirche das Geld fehlt.

Dass das Verhalten vieler Einzelner Konsequenzen für die Gesellschaft insgesamt hat, wird an einem solchen Beispiel sehr deutlich. Wenn man sich bestimmte weit verbreitete "Kleindelikte" wie Schwarzarbeit und Gefälligkeitskrankschreibungen vor Augen führt, wird schnell klar, dass wir es mit einem gesellschaftlichen Problem ersten Ranges zu tun haben, auf das die Politik bisher keine sinnvollen Antworten gegeben hat.

Nächstenliebe statt Sozialbürokratie

Die Bevormundung weiter Teile der Bevölkerung durch die Sozialbürokraten einerseits und praktizierte Nächstenliebe für die Ärmsten in einer Gesellschaft sind zwei völlig verschiedene Dinge. In einer menschlichen Gesellschaft haben auch die Armen einen Anspruch auf menschenwürdiges Leben, es ist Aufgabe von Gesellschaft und Politik, dies auch zu gewährleisten. Aber wenn in Deutschland nahezu jeder zu irgend einem Zeitpunkt Sozialleistungen kassiert, bleibt für die wirklich Armen nicht viel übrig. Wenn manche dieser Sozialleistungen dann auch noch so angelegt sind, dass sich einige in ihnen geradezu ausruhen können, dann stimmt mit dem System der sozialen Fürsorge etwas nicht. Den wirklich Schwachen zu helfen heißt auch, sie vor denjenigen zu schützen, die zu Unrecht gesellschaftliche Solidarität beanspruchen. Ja zur Solidarität als praktizierte Nächstenliebe für die wirklich Schwachen in unserer Mitte, aber nein zur wuchernden und trotzdem scheiternden Bürokratie-Solidarität.

Sekundärtugenden: Zweitrangig, nicht unwichtig

In letzter Zeit sind die sogenannten "Sekundärtugenden" wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit wieder zum Gegenstand der politischen Diskussion geworden. Ich meine, dass man sie nicht einfach vom Tisch wischen kann, wie dies angeblich fortschrittliche Pädagogen seit ca. dreißig Jahren versuchen. Die Einführung von "Kopfnoten" für Schulzeugnisse im Rahmen einer Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Schülers ist daher auch sinnvoll. Allerdings muss eines immer ganz klar sein: Verglichen mit echten Tugenden, wie Mut oder Verantwortungsbewußtsein, sind Ordnung und Pünktlichkeit in der Tat zweitrangig.

 

 

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